Das Netzwerk der Jakobswege

 Vielen Leuten ist der Jakobsweg aus Büchern oder von Filmen bekannt. Der berühmte „Camino de Santiago“ hat Hochkonjunktur. Dabei ist es landläufige Meinung, dass der Pilgerweg nur durch Spanien verlaufen würde. Doch dem ist nicht so. Tatsächlich befindet sich das große Ziel des Jakobsweges in Galizien im nordwestlichen Spanien. Doch steht die Kathedrale von Santiago de Compostela nur am Ende – und gewissermaßen auch im Mittelpunkt – des großen Wandernetzes der Jakobswege.

Bereits seit über 1000 Jahren pilgern Gläubige zum Grab des Heiligen Jakobus. Es gilt neben Jerusalem und Rom als eines der wichtigsten Pilgerziele der christlichen Welt. Früher war es eine beschwerliche Reise zu Fuß, mit dem Schiff oder Pferd und Esel. Heute ist es eher ein bequemer Spaziergang, der hauptsächlich durch das Wetter und zahlreiche Mitpilger erschwert wird. Sind in 2007 nur 114.000 Pilger in Santiago eingelaufen, waren es 2017 über 300.000. Eine Verdopplung innerhalb von 10 Jahren.

Am Ziel erhält der gläubige Pilger als Beweis für seine Ankunft die sogenannte „Compostela“. Um diese zu erhalten, müssen Wanderer nachweisen, dass sie mindestens die letzten 100 km zum Ziel durchgängig zu Fuß gegangen sind. Radfahrer müssen 200 km belegen. Die Dokumentation des Weges erfolgt im Pilgerpass. In diesem sammelt der Pilger unterwegs Stempel in Herbergen, Kirchen oder anderen Stationen. Es wird empfohlen besonders auf den entscheidenden letzten Kilometern, wenigstens zwei Stempel pro Tag eintragen zu lassen.

Das ist also das Ende der Pilgerreise. Doch wo beginnt sie? Diese Frage kommt der Natur des Jakobsweges als Wandernetz auf die Schliche. Im Prinzip beginnt er nämlich überall. So wie die Leute im Mittelalter direkt vor ihrer Haustüre gestartet sind, so kann auch heute ein jeder von daheim losgehen. Gerade in Mitteleuropa ist es selten weit zum nächsten Schild mit gelber Muschel auf blauem Untergrund. Dies ist der offizielle Wegweiser des Pilgerweges, der auf verschiedenen Wegabschnitten in unterschiedlichen Varianten auftaucht. Stets sind diese Wegweiser so ausgerichtet, dass sie den Wanderer nach Santiago führen. An nicht wenigen Stellen kann man sich aber zwischen zwei parallelen Routen entscheiden.

So gibt es offizielle, markierte Wege, die in Bristol, Bergen oder Budapest starten. Auch in Amsterdam, dem süditalienischen Bari und in Faro an der Südküste Portugals kann man den Weg beginnen. Unterwegs treffen sich die Wege aus den verschiedenen Himmelsrichtungen und vereinen sich. Die Pilgerscharen werden gebündelt. Allerdings finden sich über Europa verteilt kaum bemerkenswert viele Pilger auf dem Weg. Lediglich auf den größeren Zubringern in Südfrankreich trifft man in der Hauptsaison eine nennenswerte Zahl an Gleichgesinnten. Der Hauptstrom der Pilger startet direkt in Spanien oder kurz vor der Grenze in St.-Jean-Pied-de-Port auf der französischen Seite der Pyrenäen.

Es besteht heute geradezu ein Kult um das Pilgern nach Spanien. Es gibt unzählige Vereine, die geführte Wanderungen, zum Teil auch mit Rucksacktransport auf bestimmten Abschnitten des Wegenetzes anbieten. Auf verschiedenen Portalen suchen und finden sich Pilger, die wenigstens ein Stück weit zusammen gehen möchten. Es gibt etliche Informationen zu Wegeverlauf, Unterkünften und Vorsichtsmaßnahmen. Der Leitspruch der Pilger ist übrigens „Ultreia!“ – „Vorwärts!“.